Wie verändert KI den Beruf eines Applikationsentwicklers, wenn Jugendliche sich noch mitten in der Lehre befinden? Marvin Krieg, Informatik-Lernender EFZ Fachrichtung Applikationsentwicklung bei InfoGuard im 4. Lehrjahr, erlebt diesen Wandel aus nächster Nähe. Marvin berichtet aus seiner persönlichen Perspektive, wie KI seinen Ausbildungsalltag verändert hat, welche Chancen und Herausforderungen daraus entstehen und weshalb heute andere Fähigkeiten gefragt sind als noch vor wenigen Jahren.
Schon seit Beginn meiner Lehre nutzten wir KI als Hilfsmittel. Damals halfen uns KI-Tools vor allem dabei, Codeteile zu verstehen oder Themen in der Schule zusammenzufassen. Parallel dazu setzten wir noch vermehrt auf klassische Lösungswege und suchten nach Code-Beispielen auf Stack Overflow oder W3Schools. Zu dieser Zeit war der Umgang mit dem Thema KI noch sehr unterschiedlich.
In den Überbetrieblichen Kursen (ÜK) war uns der Einsatz von KI meistens nicht erlaubt, damit wir die Grundlagen von der Pike auf lernten. Darüber bin ich heute sehr froh, denn wer den Code nur noch generiert und nicht mehr versteht, baut kein solides Verständnis der Grundlagen auf. Genau das kann später im Berufsalltag zum Problem werden.
In der Berufsschule hingegen durften wir KI praktisch ohne Einschränkungen nutzen. Dadurch konnten wir uns logischerweise meist sehr gute Noten holen. Dazu kam, dass Lehrpersonen Prüfungen teilweise mit KI erstellten, die sich danach mit KI sehr gut lösen liessen.
Vor zwei Jahren war KI noch lange nicht so weit entwickelt wie heute. Die Lehrpersonen wissen zwar selbst, wie stark KI das Programmieren mittlerweile verändert hat. Trotzdem orientiert sich der Unterricht oft noch an den bisherigen Methoden.
Bei Projektarbeiten übernimmt KI heute einen Grossteil der Arbeit. Die Ergebnisse werden danach aus meiner Sicht kaum mehr kritisch geprüft. Unsere Prüfungsnoten sprechen für sich: Bei Projekten oder Aufträgen erreichen wir mittlerweile nahezu die volle Punktzahl und benötigen dafür einen Bruchteil des Zeitaufwands, den wir ohne KI gebraucht hätten.
Selbst komplette Präsentationen erstellen wir innerhalb von Minuten. Das Resultat: Eine nahezu perfekte PowerPoint-Präsentation, die fast 1:1 eingesetzt werden kann und entsprechend positives Feedback erzeugt.
Rückblickend überrascht mich, wie stark sich mein Beruf in nur wenigen Jahren verändert hat. Die eigentliche Programmierarbeit ist für mich nicht mehr die grösste Herausforderung. Viel wichtiger ist es heute, die eigentliche Arbeit sauber zu definieren, das Ergebnis zu beurteilen und Verantwortung dafür zu übernehmen.
Code schreiben kann die Maschine. Entscheiden, ob der Code den Anforderungen entspricht, muss noch immer der Mensch. Auch dann, wenn man für diese Einschätzung wiederum KI hinzuzieht.
Parallel dazu passiert im IT-Stellenmarkt gerade ein Wandel, den man nicht ignorieren kann. Bei grossen Tech-Firmen kam es in den letzten Jahren laufend zu massiven Entlassungswellen. Als Ursache werden dabei häufig KI oder Automatisierung genannt.
Besonders relevant für mich: Laut dem Stanford-HAI-AI-Index ist die Beschäftigung von Software-Entwickler:innen unter 26 Jahren seit 2024 um rund 20 Prozent gesunken. Gleichzeitig zeigt der Bericht, dass sich die Auswirkungen von KI besonders bei jungen Berufsleuten und in Einstiegsstellen bemerkbar machen.
Genau diese Einstiegs- und Junior-Rollen sind für mich als Lernenden wichtig. Früher wäre ich nach Abschluss der Lehre Schritt für Schritt in solche Aufgaben hineingewachsen. Heute stehen genau diese Rollen stärker unter Druck.
Die Marktverschiebung ist für mich klar spürbar: Früher konnten junge Entwickler:innen vor allem über das Schreiben von Code Erfahrung sammeln. Heute übernimmt KI viele dieser Aufgaben. Gefragt sind deshalb immer stärker Fähigkeiten, die sich nicht einfach automatisieren lassen, wie Urteilsvermögen und Verständnis für den Kontext sowie die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
In Gesprächen mit anderen Lernenden und Berufskolleg:innen merke ich, dass KI-gestützte Entwicklung längst in vielen Unternehmen angekommen ist. Dabei geht es nicht mehr nur darum, sich einzelne Codezeilen erklären zu lassen. KI hilft heute auch dabei, Funktionen zu planen, Fehler schneller zu finden oder erste Lösungswege zu entwickeln.
Für mich zeigt sich daran sehr gut, wie sich die Branche verändert: Projekte können schneller entwickelt werden und gewisse Aufgaben brauchen weniger Zeit. Parallel dazu wird die Rolle der Entwickler:innen anspruchsvoller. Es geht nicht mehr nur darum, Code zu schreiben. Es geht eher darum, die richtigen Fragen zu stellen, gute Prompts zu formulieren, Ergebnisse kritisch zu prüfen und Verantwortung für die Lösung zu übernehmen.
Auch in meinem Arbeitsumfeld spielt KI eine immer grössere Rolle. Ich nutze KI zum Beispiel, um Fehler schneller einzugrenzen, Code besser zu verstehen oder erste Lösungsansätze zu entwickeln. Gleichzeitig ist gerade in der Cyber Security klar: KI darf nicht unkontrolliert eingesetzt werden. Besonders bei der Verarbeitung sensibler Daten braucht es klare Regeln, sichere Prozesse und ein gutes Verständnis für den Einsatz von KI. Man muss beurteilen können, wo KI sinnvoll unterstützt und wo der Mensch Verantwortung übernehmen muss.
Bei InfoGuard zeigt sich der bewusste Umgang mit KI auf einer grösseren Ebene: etwa durch Investitionen in die eigene KI-Infrastruktur und die Weiterentwicklung von Cyber Defence Services wie MDR 3.0. Dort fliessen KI-Fähigkeiten gezielt in Analyse, Automatisierung und Reporting ein – inklusive Komponenten der Reporting Engine, die mit KI-Unterstützung entwickelt wurde. Für mich zeigt das auf, dass KI nicht einfach ein Tool ist, das man nebenbei nutzt. Es ist ein Werkzeug, das bewusst in Prozesse und Lösungen eingebettet werden muss.
Bei der Code-Entwicklung sehe ich besonders viel Potenzial. Schon der unterstützende Einsatz von KI kann die Entwicklung beschleunigen, wenn man die Ergebnisse sauber prüft und nicht einfach blind übernimmt. Für mich ist deshalb nicht entscheidend, ob KI verwendet wird, sondern wie bewusst sie eingesetzt wird. KI kann einem viel Arbeit abnehmen. Aber sie ersetzt nicht das Verständnis für das Projekt, die Anforderungen und die Verantwortung für die fertige Lösung.
Meine Lehre, und mehr noch mein Beruf, haben sich in wenigen Jahren stark verschoben. Aus «Code schreiben» ist «Systeme orchestrieren» geworden. Aus «KI als Hilfe» ist «KI als Standard-Werkzeug» geworden. Und aus einer sicheren Junior-Laufbahn ist ein Markt geworden, in dem gerade Einstiegsstellen unter erheblichem Druck stehen.
Viele sehen dies als Bedrohung. Ich bin aber überzeugt, dass wer KI nur blind benutzt und sich nicht wirklich damit auseinandersetzt, sich schneller durch KI ersetzbar macht. Ich versuche daher, ein Projekt bis in seine Grundfesten zu verstehen, der KI eine möglichst genaue Anleitung zu geben und für das Endresultat Verantwortung zu übernehmen. Für mich ist das der beste Weg, um auch in Zukunft gebraucht zu werden.
Mit dem Thema KI setze ich mich auch privat intensiv auseinander. Zum Beispiel entwickle ich mit Hilfe von KI eigene Projekte, die ich auf HelveticLabs.org veröffentliche. Ich sehe KI nicht als Konkurrenz, sondern als Werkzeug, das ich beherrschen will, bevor es für mich zum Risiko wird.
Für mich hat sich während der Lehre vor allem eines gezeigt: KI verändert nicht nur, wie wir entwickeln, sondern auch, welche Fähigkeiten künftig gefragt sind. Wer den Beruf Informatiker:in EFZ Fachrichtung Applikationsentwicklung lernt, muss heute nicht mehr nur programmieren können. Ebenso wichtig ist es, Aufgaben richtig zu formulieren, Ergebnisse kritisch zu hinterfragen und Verantwortung für KI-gestützte Lösungen zu übernehmen.
Ich sehe KI deshalb nicht als Konkurrenz, sondern als Werkzeug, das ich verstehen und bewusst einsetzen möchte. Je besser ich die Technologie verstehe, desto besser kann ich sie sinnvoll einsetzen.
Genau darin liegt aus meiner Sicht der grösste Wandel des Lehrberufs Informatiker EFZ mit Fachrichtung Applikationsentwicklung. Der Beruf verändert sich nicht, weil wir weniger programmieren. Er verändert sich, weil heute andere Fähigkeiten gefragt sind. Ich bin überzeugt, dass genau darin eine grosse Chance für Lernende und den Beruf von morgen liegt.
Meine Kolleg:innen und ich freuen uns über Verstärkung! Bewirb dich für einen Ausbildungsplatz 2027 und werde Teil eines Teams, das Informatik nicht nur spannend findet, sondern jeden Tag lebt.
Bildlegende: mit KI generiertes Bild